Verhandlungstag 21 im Hirsch-Q-Prozess

Landgericht Dortmund

Der 21. Verhandlungstag begann damit, das der Vorsitzende Richter mitteilte, das einige Zeugen aufgrund von Krankheit usw. nicht kommen werden und auf einen anderen Tag geladen worden sind. Weiter teilte das Gericht mit, das es die Akten aus früheren Verfahren von einigen Angeklagten zu dem Verfahren beigezogen hat und später auszugsweise aus diesen Vorlesen wird.

Aufgrund dessen fragte der Vorsitzende Richter an, ob denn einer der Angeklagten nicht Angaben machen möchte zu seinen persönlichen Verhältnissen usw. Dieses wurde jedoch nach einer kurzen Pause von allen Verteidigern zumindest zu diesem Zeitpunkt abgelehnt.

Anschließend wurde der Zeuge Herr St. vom Polizeipräsidium Dortmund vernommen, der sechs der Angeklagten tags darauf als Beschuldigte vernommen hatte. Dieser gab an, dass die Angeklagten C. und S. Angaben zur Sache gemacht hätten. Beide sagten damals aus, das man sich nach einem Fußballspiel noch in das Leedspub und anschl. in Richtung der Hirsch-Q .

Dort sei die Situation derart eskaliert, das der Angeklagte C. in die Hirsch-Q gezogen worden sei und dort hätte er einen Schlag gegen den Kopf bekommen, weiter hätte eine „Olle“ von der Hirsch-Q ihn dann in Schutz genommen, so seine damaligen Ausführungen. Diese Person konnte von der Polizei aber nicht mehr ausfindig gemacht werden. Damit endete die Befragung des Polizeibeamten.

Verwertbarkeit des Videos

Nochmals bezweifeln die Verteidiger die Verwertbarkeit des Videos und das Gericht teilte hier mit, das nach jetzigem Stand davon ausgeht das dieses Video verwertbar ist, aber eine endgültige Entscheidung hierzu noch aussteht. Der Richter teilte ferner mit, dass es sich auch für das Gericht um Neuland handelte und das es um die Verwertbarkeit des Videos keine höchstrichterlichen Entscheidungen bzw. Urteile gebe. Daher könne die Kammer zu diesem Zeitpunkt weder eine Entscheidung noch seine Position hierzu bekannt geben.

Nochmals fragt der Vorsitzende Richter ob doch einer der Angeklagten Angaben zu seinen persönlichen Verhältnissen machen möchte, was abermals von allen Angeklagten abgelehnt wurde.

Somit zog der Richter dann die Akten von dem Angeklagten Sven K. zur Sache und es wurde auszugsweise daraus vorgelesen. Es wird auf die Kindheit von K. eingegangen

Sven K.

Sven K. hatte keine leichte Kindheit. Seine Eltern trennten sich sehr frühzeitig. In der Schule war er schlecht, gab an, dass er mit zwei weiteren Kindern die einzigen Deutschen in der Klasse waren. Er wird von seinen Mitschülern regelmäßig blutig geprügelt. Kam auf eine Sonderschule. Alkohol war schon an der Tagesordnung und langsam zeichnete sich auch die politische Gesinnung in Form von Glatze und Springerstiefeln ab.

Sven K. hatte so oft Klassen wiederholt, dass er mit einem Abschlusszeugnis der siebten ­Klasse abging. Anschl. besuchte er die Berufsschule und machte hier bis zu seiner Verhaftung den Realschulabschluss nach.

2004 traf sich Sven K. mit Manuela M. mit der er ein freundschaftliches nicht intimes Verhältnis hatte in einer Wohnung in Dorstfeld. Hier trank der Angeklagte seiner Gewohnheit nach mehrere Biere und eine Fl. Apfelkorn man wollte sich mit anderen in Hörde treffen. Gegen 18:30 Uhr wollten die beiden an der Kampstrasse auf die U-Bahn Ebene nach Hörde wechseln. Auf der Verteilerebene trafen die beiden auf eine Gruppe Punker welche ein Konzert in der Hirsch-Q besuchen wollten, zu der auch Thomas Schulz gehörte, es kam zur gegenseitigen Pöbelei und es stieg in Sven K. massive Wut und Hass auf.

Den Weg zur U-41 in Richtung Hörde pöbelte Sven K. zum Missfallen von Manuela M. weiter. Am Gleis angekommen und wartend auf die Bahn kam Thomas Schulz. Dieser wollte Sven K. wegen seiner Pöbeleien und seiner Sprüche zur Rede stellen. Die Freundin von Sven K. Manuela M. zog, um der drohenden Eskalation aus dem Wege zu gehen, ihn in Richtung der Gleise. Jedoch gingen die Provokationen von beiden Seiten weiter, auch dann als die Bahn kam und Sven K. mit seiner Freundin einstieg.

Hier platze dem Angeklagten der Kragen und er stieg wieder aus der Bahn aus, allerdings mit einem Messer in der Hand. Die Situation eskalierte durch die gegenseitigen Provokationen derart extrem, das Sven K. dem Thomas Schulz das Messer mit voller Wucht in die Brust rammte.

Hierbei wurden der Herzbeutel, rechte vordere Herzkammer, die Herzscheidewand und hintere Herzkammer mit der 15 – 16 cm langen und ca. 4,8 breiten Klinge durchstoßen wie später der Gerichtsmediziner feststellte und den Tod des Thomas „Schmuddel“ Schulz verursachte. Bei diesen Ausführungen des Vorsitzenden Richters schmunzeln sich einige Angeklagten in einer sehr abartigen Weise zu, aber auch der ein oder andere Verteidiger hat nicht gerade den Ausdruck des Bedauerns im Gesicht.

Eine Arzthelferin, welche zufällig in der U-Bahn war versuchte noch Thomas Schulz das Leben zu Retten. Auch eine Notoperation wenig später konnte das Leben des 31 Jahre alten Familienvaters Thomas Schulz nicht retten. Sven K. und Manuela M. wurden später in der nähe des Hauptbahnhofes festgenommen. (Anm. Sven K. war zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt) Das Urteil lautete 7 Jahre Haft.

Sven K. sei ein „anerkanntes und respektiertes Mitglied“ der neonazistischen Kameradschaftsszene vor Ort, hält das Landgericht Dortmund im November 2005 in seinem Urteil fest, „zu seinen Feindbildern gehörten auch „Punker“. Diese bezeichnete er als ‚Zecken‘.“ Nur drei Wochen vor dem Angriff auf Thomas Schulz wurde K. zu einer Woche Dauerarrest und Schmerzensgeld verurteilt weil er einen Punker in der U-Bahn verprügelte.

Ausführlich geht das Gericht auf die Behauptung des Täters ein, er habe sich nur gegen Thomas Schulz gewehrt, quasi in Notwehr. Eine Bedrohung habe es nicht gegeben, das Opfer sei „in der konkreten Tatsituation arglos und damit wehrlos diesem Überraschungsangriff ausgesetzt“ gewesen. Damit endet die Verlesung der Bewährungsakte von Sven K.

Der Angeklagte Sch.

Und es wird die Akte des Angeklagten Sch. beigezogen und hier auszugsweise verlesen:

Der Angeklagte wollte mit Freunden den 18. Geburtstag eines Bekannten feiern. Bei der Geburtstagsfeier kam es zu einer Pöbelei, welche sich in eine Handfeste Schlägerei entwickelte, in die sich der Angeklagte einmischte, in dem er das Opfer mehrfach mit seinen Stiefeln gegen den Kopf trat, bis dieser zeitweise das Bewusstsein verlor. Hierfür verurteilte das Amtsgericht Dortmund den Angeklagten Sch. zu 9 Monaten auf Bewährung.

Der Angeklagte B.

Und die letzte Akte wurde an diesem Tag verlesen. Hier vom Angeklagten B.

  • 2003 Beleidigung und gefährliche Körperverletzung – Verfahren eingestellt
  • 2005 Beleidigung – 40 Tagessätze a 5€
  • 2006 Bedrohung
  • 2013 Beleidigung – 3 Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung

Der Vorsitzende Richter verlas hierzu auch die Gründe aus der Akte:

Der Angeklagte sprach gegen 21 Uhr eine Passantin an, die mit einem offenbar südländischen Mann zusammen war als u.a. Nutte und Judenschlampe an (es folgen noch weitere Beschimpfungen welcher der Richter vorlas) die man richtig „durchnudeln“ müsse, damit sie wieder Deutsch würde (Anm. meint der gebürtige polnisch abstämmige Angeklagte B.). Auch hierbei pubertäres Gelächter von allen Angeklagten und Schmunzeln der Verteidiger sowie einigen Zuschauern.

Die Staatsanwaltschaft rügte hierbei das Verhalten in ungewohnter weise aufs schärfste, wo auch die Verteidigung der Angeklagten keinen Laut mehr von sich gaben.

Am Ende teilte die Staatsanwaltschaft mit, dass dieser einem Gutachten auf psychiatrische Untersuchung des Angeklagten C. zustimme.

Am Montag den 3. Februar ab 15 Uhr wird die Vernehmung weiterer Zeugen fortgesetzt.

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